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Buch (5 ingredientes de la vida)

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Auf der Suche nach der kaputten Zeit
Fritz Katers „Buch (5 Ingredientes de ia vida)" dient den Schauspielstudierenden im Expo-Studiotheater als Spielplatz

Utopie. Fantasie. Liebe und Tod. Instinkt. Sorge. Das sind - laut Fritz Kater - die Zutaten des Lebens. Und rechts und links der Bühne des Studiotheaters Expo-Plaza flattern Vorhänge aus silbrigen Faden hin und her, werfen zittrige Lichtreflexe auf den zu Beginn leeren Bühnenraum.

Die Studierenden des dritten Studienjahres Schauspiel haben sich - unter der Regie des Professors für Schauspiel Titus Georgi „Buch (5 Ingredientes de la vida)“ ausgesucht. Der Text von Fritz Kater - ein Pseudonym von Armin Petras, dem Stuttgarter Schauspielinlendanten - erkundet die Lebenszutaten jeweils als eigenes kleines Kurzdrama. Jedes davon erzählt eine Geschichte, schlägt aber auch den Bogen zur Zeitgeschichte. In „Liebe und Tod" etwa durchleben Jugendliche im Jahr 1984 irgendwo zwischen Baggersee und Disco ihre Pubertät, dabei wird aber auch von einem Bruch der Generationen erzählt.

Wortspiele und Sprachwitz

In „Fantasie" warten zwei Kinder - diejenigen, die 1984 am Baggersee leiden - im tiefsten Winter des Jahres 1974 auf die S-Bahn, streiten sich und finden immer wieder nur zusammen, weil sie sich von Dämonen, von der Mutter, und einem eigenartigen Land namens „Der Westen" erzählen, in das die Mutter geflohen ist. Katers Text strotzt vor Wortspielen und Sprachwitz, vor Pathos und Ironie.

Für die Studierenden ergibt sich daraus ein geradezu perfekter Spielplatz. Sie arbeiten sich an Katers Text, diesem Steinbruch aus Worten und Zeitgeschichte, ab - mal leise, mal laut, mal hochironisch und mal mit hochgedrehten Pathosreglern. Mal wird mit Babypuder rumgesaut - in „Sorge", einer leisen, subtilen Geschichte von der Krankheit eines Babys-, mal trudelt von oben ein lange andauernder Schneefall auf die Bühne.

Das Spiel der Studierenden ist dabei durchweg stark körperlich, immer in Bewegung, driftet auch mal in Tanz oder in Gesang hinein. Der Fokus der Inszenierung liegt dabei ganz klar auf ihnen - das Bühnenbild ist spärlich, Requisiten gibt es kaum. Umso mehr geben die Akteure dem Text Raum zum Atmen. Ihre Sprechweise ist dabei oft eigenartig distanziert, als sei Sprache in ihrer Künstichkeit weit fort von ihnen und ließe sich nur aus der Entfernung betrachten. Überdies legt Georgis Inszenierung viel Wert auf Musik. Ob das nun „House of the Rising Sun" ist oder Michael Jacksons „Earth Song": Die Musik trägt auch das zeitliche Setting des jeweiligen Kurzdramas mit.

Auf der Suche nach dem, was in diesen verzahnten Minidramen steckt, der Suche nach der kaputten Zeit und der Sprache ohne Festlegungen, leisten die Studierenden tätsächlich gute, vor allem aber enthusiastische Arbeit, in der auf der Bühne viel Energie fließt. Und bei einem Text wie „Buch (5 Ingredientes de la vida)" kann dann nicht mehr viel schiefgehen - da kann der silberne Vorhang zittern, wie er will.

Jan Fischer

Dokumentation Bundeswettbewerb Schauspielschultreffen

Das Elefantenmädchen ist unwiderstehlich. Aber – was hat sie in dem Stück zu suchen? Geht es nicht um die Zeit der Kindheit, der Jugend in der DDR? Nein, es geht um falsche Hoffnungen, falsche Systeme, Leben und Tod. Davon können wir in einer Stunde leider nur Bruchteile sehen. Wir sehen, wie ein Elefantenland herbei gespielt wird, ein Tanzlokal in der DDR, eine winterliche Straßenbahnhaltestelle, wir sehen ein Kranken- zimmer mit einem Dauerpatienten, Alkoholiker, vom DDR-System bitter enttäuscht. Während das Publikum hereinströmt, verkün- den ernsthafte Menschen an der Rampe ihre Vorstellungen von der Zukunft. Wir sind im Jahr 1966, und ihre hoffnungsvollen Utopien sind zum Weinen naiv. Dann stehen zwei verfrore- ne Kinder im Schnee an einer Haltestelle. Sie warten auf ihre Mutter, warten, obwohl sie wis- sen, sie kommt nicht wieder. Die ist ab in den Westen. Ein geschwisterlich vertrautes Hin und Her, der Junge vier, die Schwester neun, mit fei- ner Übertreibung gespielt. Wir sehen zwei sehr junge Menschen bei ihrer ersten Begegnung, scheu, unbeholfen, voller Erwartung an das Le- ben, die Liebe: „Es ist der schönste Morgen ih- res Lebens oder fast, aber sie können es noch nicht wissen“. Wir sehen einen Jungen mit provokant lan- gen Haaren, wie einer Band entsprungen, und da sagt er auch schon: „Jeder kam gerade von der Probe, ging auf Tournee oder schrieb ein Buch.“ Lebensgefühl in der DDR voll getroffen. Ein schnoddriger Monolog, glaubhaft durch und durch. Und das Elefantenmädchen? Ist einfach er- greifend. Ihr Lebensdrama (inspiriert durch den Elefantenroman von Barbara Gowdy) entfaltet sich vor unseren Augen. Bei der Geburt fast schon zu Tode gekommen, gerettet, aufwach- sen in der Herde, Flucht, Flucht, Flucht vor dem Massaker. Überleben, sich paaren, gebären, im- mer noch leben. Vielleicht auch nicht, wer weiß das schon. All das sehen wir, weil die Schauspie- lerin Amelle Schwerk es nicht nur erzählt, son- dern lebt. Sie rennt, sie springt die Wände an, sie ist die Kalbkuh mit dem verkrüppelten Bein und die betagte Leitkuh im blitzschnellen Wech- sel, sie strahlt Kraft aus und Schmerz, sie „leuch- tet“ und der Bulle folgt ihr willig. Das Publikum auch. Amelle Schwerk bekam für ihre kraftvolle Dar- stellung einen Solopreis von 2.500 Euro. 

Ulrike Kahle-Steinweh 

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