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Immer schön hinter der gelben Linie bleiben – nach Stücken von Simon Stephens – Kritiken

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Große Welt, kleine Welt

Irgendwann sind da nur noch Ausweglosigkeit und Aggression. „Ich geb? dem Krieg nicht die Schuld. Er fehlt mir. Er war in Ordnung“, schreit Irak-Heimkehrer Danny. Diese abwegig klingenden Worte werden im Studiotheater Expo Plaza durchaus nachvollziehbar. Nach der extremen Erfahrung im Auslandseinsatz nun der Wahnsinn im Alltag – mit erschreckender Eindringlichkeit zeigen die Darsteller die Absurdität der Gesellschaft, sodass den Zuschauern, auch bei immer wieder komischen Situationen, das Lachen im Halse stecken bleibt.
Die szenische Collage „Immer schön hinter der gelben Linie bleiben“ setzt sich aus zwei Stücken des Gegenwartsdramatikers Simon Stephens zusammen: „Pornographie“ (2007) und „Motortown“ (2006). In der Inszenierung von Titus Georgi im Expo-Theater überzeugen die acht Schauspielstudenten im dritten Studienjahr (an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover) mit packender Gesellschaftskritik, die sie körperlich und emotional bis an die Grenzen ausspielen.
Für die Gefühle und Erfahrungen des Soldaten Danny interessiert sich nach seiner Rückkehr niemand so wirklich. Mehr als ein „Ich hab? dich im Fernsehen gesehen“ kommt da nicht. Dannys angestaute Wut entlädt sich erst allmählich. Nach der Eskalation ist es sein autistischer Bruder Lee (überzeugend Lucas Federhen), der ihm näherkommt und ihn durchblickt. Sven Daniel Bühler spielt Danny im ersten Teil des Abends authentisch zwischen Abweisung und Enttäuschung, später dann entgleisend und unkontrolliert. Eher zufällig wird die 14-jährige Schülerin Jade zu seinem Opfer – wunderbar zwischen Naivität und größter Panik agiert Sophia Vogel.
Der zweite Handlungsstrang kreist um das Leben in London im Jahr 2005. Die U-Bahn-Anschläge bringen die Menschen durcheinander. Kleine Charakterstudien verschiedenster Personen wechseln sich ab; es geht um Geschwisterliebe, häusliche Gewalt und Einsamkeit. Alexandra Ostapenko und Maurizio Micksch pendeln mit großer Bühnenpräsenz von verbotenem Liebesgenuss zur ungewollten Trennung. Lisa Schwindling spielt ihre beiden Rollen impulsiv und ausfüllend. Tomasz Robak und Yassin Trabelsi lassen hinter die Fassade des Bösen und Absurden blicken.
Durch die quadratische Bühne, um die herum sich die Zuschauer verteilen, sind sie mitten in der Szene. Das macht automatisch aufmerksamer und erzeugt Spannung. Die Musik wechselt zwischen atmosphärischen Geräuschen und treibenden Beats. Studierende des Masterstudiengangs Fernsehjournalismus haben die Videoeinspielungen gestaltet. Bewegte Schwarz-Weiß-Bilder zeigen Ausschnitte aus Nachrichtensendungen. Große Weltpolitik auf der Leinwand trifft auf private Probleme.
Das Publikum ist begeistert von dem gelungenen Ganzen und dem vollen Einsatz der Darsteller. Ein Schauspielabend, der einem noch länger nachhängt und nicht einfach zu schlucken ist; aber gerade deshalb großartig.

Ulrike Kahle über die Kurzfassung beim Schauspielschultreffen in München

Ein Autor, der etwas will. Ein Autor, der Fragen stellt, der den durch Politik, falsche Moral, den Krieg verbogenen Menschen eine Stimme gibt. Das ist nicht angenehm zu hören, zu sehen. Simon Stephens' Personen sind verstört wie Danny, außerhalb der Norm wie Dannys Bruder, sie sind Terroristen wie Yassin Trabelsi, und alle überschreiten die Grenze bürgerlichen Wohlverhaltens. Der aus dem Irakkrieg zurückgekehrte Danny tötet ein junges Mädchen, grundlos. Yassin Trabelsi hat eine Bombe in Londons U-Bahn gezündet, aus grenzenlosem Hass gegen die westliche Welt.

Ein frecher Junge, gespielt von einem Mäd- chen (Lisa Schwindling), ist in seine Lehrerin verliebt. Die namenlosen Geschwister, Bruder und Schwester, lieben sich, auch körperlich. Es wirkt so unschuldig, so natürlich, dass sich die Frage aufdrängt, ob Inzest immer eine Straftat sein muss. Das alles sind Fälle aus den gegeneinander verschnittenen Stephens-Stücken „Pornographie“ und „Motortown“.

Den Studierenden aus Hannover gelingt es fast durchweg, ihre Figuren glaubhaft darzustellen, ob perverser Dealer oder leicht debiles junges Mädchen. Besonders der schwierige Part des behinderten Lee (Lucas Federhen) beeindruckt, ist psychologisch differenziert. Wie der seines Bruders Danny (Sven Daniel Bühler), den der Irakkrieg verwirrt, verroht hat, so dass er immer abrupter die Stimmungen wechselt, immer brutaler wird. Stephens Welt kann zart sein, ist meistens hart und ziemlich erbarmungslos.

Trotz erheblicher Kürzung, die Spieler schaffen es, auf fast leerer Bühne, an allen vier Seiten umgeben von Zuschauern, eine verunsichernde, beängstigende Atmosphäre zu halten und etwas zu erzählen. 

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